Ich gehöre noch zu den Musikern, die mit großen Bühnenmonitoren (Wedges) aufgetreten sind. Seit über 20 Jahren sind aber In-Ear-Monitore, kurz IEMs, der Standard beim Monitorsound auf der Bühne. Damit kann man sich frei auf der Bühne bewegen, hat überall den gleichen guten Sound und kann sich seinen individuellen Monitormix bereitstellen lassen. Bei Musikern sieht man diese In-Ear-Kopfhörer oft in schillernden Farben, vergoldet oder auch ganz dezent der Hautfarbe angepasst.
Fast vollkommen unbemerkt haben sich IEMs auch einen festen Platz bei Musikhörern erkämpft. Das liegt nicht zuletzt daran, dass man heute hervorragende IEMs aus chinesischer Fertigung für unter 50 € bekommt. Früher musste man für ein einigermaßen ordentliches Paar 300 € und mehr auf den Tisch legen. Natürlich gibt es auch heute High-End-IEMs, die auch mal 3000 € kosten können, klanglich müssen sich viele günstige Modelle allerdings nicht verstecken.

Ich habe diese und andere preiswerte IEMs für mich entdeckt, als ich auf der Suche nach einem In-Ear-Kopfhörer für unterwegs war. Natürlich habe ich auch zuerst bei Wireless-Earbuds zugeschlagen, nämlich den Sony LinkBuds S , die mir deutlich besser gefallen haben, als der große Bruder Sony WF-1000XM5 und um Längen besser als die Apple AirPods II Pro.
Mit der aktiven Geräuschunterdrückung, Freisprechfunktion und Transparenzmodus, sind Wireless-Earbuds für den täglichen Gebrauch extrem praktisch und komfortabel. Allerdings fehlte mir klanglich trotzdem etwas, was mich drahtgebundene IEMs ausprobieren ließ. Nun habe ich einige ausgezeichnete Kopfhörer in meinem Studio, wie die Beyerdynamic 770 und 900 HD, Sennheiser HD600 oder einen Audio-Technica M50x, aber ich gab den günstigen IEMs eine Chance. Soviel schon jetzt: ich war mehr als verblüfft. Das liegt nicht zuletzt daran, dass viele IEMs auf die sog. Harman-Kurve getrimmt wurden.
Was ist die Harman-Kurve und was hat sie mit Kopfhörern zu tun?#
Die Harman-Kurve ist ein von Harman International entwickelter Frequenzgang, der darauf abzielt, die ideale Balance und den idealen Klang für Kopfhörer zu definieren. Sie basiert auf umfangreichen Forschungen und Nutzerstudien, die darauf hinweisen, wie verschiedene Menschen den „besten“ oder „natürlichsten“ Klang wahrnehmen.
Die Harman-Kurve versucht, eine Klangsignatur zu schaffen, die einer natürlichen Hörumgebung entspricht, als ob man Musik live in einer natürlichen Umgebung, etwa einem Wohnzimmer hört. Sie betont leicht die tiefen Frequenzen (Bass) und die hohen Frequenzen (Treble), während sie die mittleren Frequenzen relativ flach hält. Dies soll eine warme und klare Klangqualität erzeugen, die für ein breites Spektrum von Hörern angenehm ist.
Die Funktion der Harman-Kurve in Kopfhörern besteht darin, den Herstellern einen Ziel-Frequenzgang zu geben, den sie bei der Entwicklung ihrer Produkte anstreben können. Kopfhörer, die dieser Kurve folgen, sollen dem Hörer ein ausgewogeneres und realistischeres Klangerlebnis bieten, unabhängig vom Musikgenre oder der Aufnahmequalität.
KZ Castor In-Ear-Monitor#
Einer der führenden chinesischen Hersteller ist die Firma KZ, was ausgeschrieben Knowledge Zenith bedeutet. Zugegebenermaßen ist die Abkürzung im deutschen Sprachraum alles andere als ideal, aber was soll’s. KZ stellt neben IEMs auch Wireless-Kopfhörer (TWS) und normale Bügel-Kopfhörer her.

Die KZ Castor IEMs kosten gerade einmal 26 € und bekommt man sehr hochwertig anmutende IEMs mit gefälligem Design, 3 Paar Silikon-Eartips (Stöpsel) und einem Paar Eartips aus Memoryschaum. Dazu ein recht ordentliches Kabel mit den üblichen 2-Pin-Anschlüssen und einem 3,5 mm Klinkenstecker.
Die KZ Castor IEMs sind auf die Harman Kurve getrimmt und haben ein sehr ausgewogenes Klangprofil. Die Bässe sind kräftig, aber kontrolliert, was wohl am Aufbau der Castors, mit ihren Dual-Treibern liegt.

Der Hochtonbereich ist brillant, ohne jedoch anstrengend zu sein. Besonders gut gefällt mit der wichtige Mitteltonbereich, der sehr präzise ist und Stimmen, Gitarren und andere Instrumente sehr gut wiedergibt. Auch die Klangbühne ist ausgezeichnet und offen gestaltet.
Eine Besonderheit der KZ Castor IEMs ist die Tuning-Möglichkeit über 4 Dip-Schalter (früher nannte man das unter Elektronikern auch Mäuseklavier). Damit lässt sich die Klangsignatur noch einmal individuell anpassen.
Schalter 1: +1 dB Bassanhebung
Schalter 1+2: 2 dB Bassanhebung
Schalter 3: +1 dB im Mitten- und Hochtonbereich
Schalter 3+4: +2 dB im Mitten- und Hochtonbereich
Mit gefällt die Variante mit 1+2 aktiviert am besten und sie liegt wohl auch noch etwas näher an der idealen Harman-Kurve.
In der Praxis:#
Wie fast alle IEMs, arbeiten auch die KZ Castor sehr effizient und lassen sich unkompliziert ansteuern. Die Lautstärken, die sich bei diesen IEMs erreichen lassen, sind beachtlich. Dabei zeigen sie aber erstaunlich wenig Verzerrungsneigung. Die Impedanz liegt bei 16-20 Ohm und die Empfindlichkeit bei beachtlichen 103 - 105 dB (je nach Schalterkonfiguration).
Ich bevorzuge aktuell die Schaum-Eartips, da diese sehr bequem sind, sich dem Ohrkanal optimal anpassen und auch ausgezeichnet gegen Umgebungsgeräusche abdichten. Die Castors lassen sich auch lange Zeit ohne Schmerzen oder Druck tragen. Da ich Gitarre und Bass gerne mit Kopfhörern aufnehme, bevorzuge ich mittlerweile IEMs. Man bekommt keine “heißen Ohren” und die erstaunlich tiefe und trotzdem knackige Basswiedergabe, mit gleichzeitig sehr analytischen Mitten, macht einfach Spaß. Gerade beim Recording von Bass-Tracks habe ich mit den IEMs fast das Gefühl, mit einem Bass-Amp und Boxen zu spielen.

Es ist mehr als erstaunlich, wie gut Kopfhörer für weniger als 30 € sein können. Das zeigt sich auch beim reinen Musikkonsum mit dem Smartphone. Der Klang der Castors und auch anderer IEMs macht einfach Spaß. Dabei ist die Wiedergabe präziser, als bei den Wireless Kopfhörern und ich höre Details, die ich mit meinen anderen Kopfhörer bislang nicht entdecken konnte.
Da ich die Klangsignatur der IEMs mittlerweile einwandfrei einschätzen kann, sehe ich auch keinen Grund, warum man sie nicht auch zum Mixen nutzen sollte.
Linsoul CCA Trio IEMs getestet#
Ebenfalls aus dem Hause KZ und unter dem Markennamen Linsoul, werden die CCA Trio IEMs angeboten. Preislich liegen sie mit etwa 42 € deutlich über den KZ Castor IEMs, haben dafür aber gleich 3 dynamische 8 mm Treiber verbaut. Wie die Castor haben auch die CCA Trio 4 Dip-Schalter zur individuellen Klangeinstellung. Das Kabel ist hochwertiger, als dass der Castor und insgesamt wirken sie noch etwas hochwertiger verarbeitet.

Klanglich kommen die CCA Trio noch etwas ausgewogener daher, als die KZ Castor. Der obere Bassbereich ist etwas zurückgenommener, dafür habe ich das Gefühl, dass der Subbass noch kräftiger und knackiger ist. Auch in den Mitten sind die Trios noch einen Tick besser und der Hochtonbereich ist etwas geschmeidiger. Die KZ Castor sind hier etwas mehr die “Spaßmacher”, während die Trio noch weiter in Richtung neutraler Wiedergabe gehen.
Die CCA Trio dichten gegen Schall von außen auch noch etwas besser ab (bei gleichen Eartips), als die Castor - zumindest bei meinen Ohren.
Fazit#
IEMs sind für mich nicht nur eine Alternative zu Bügelkopfhörern geworden - ich benutze sie zwischenzeitlich fast ausschließlich. Klang und Tragekomfort sowie die Abschottung nach außen, sind einfach fabelhaft. Ich nutze die IEMs auch zum Musikhören und sogar unterwegs, wenn es nicht auf Dinge wie Transparenzmodus, Freisprechen oder ANC ankommt.
Mit Zubehör wie so einem kleinen USB-C DAC , kann man diese IEMs auch an Smartphones, Tablets und Laptops anschließen, die keine Kopfhörerbuchse mehr haben und erhält eine hervorragende Klangqualität. Mit dem FiiO BTR3K , werden die IEMs (und nicht nur die) zu drahtlosen Kopfhörern samt Freisprechfunktion, was noch mehr Komfort bringt.

Einen Nachteil haben IEMs: Sie können sich zu einer Sammelleidenschaft entwickeln. In diversen Foren und bei Reddit gibt es nicht wenige User, die 10 und mehr IEMs zu ihrer Sammlung zählen.
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